Vitalität



Die Vitalität eines Baumes ist seine Fähigkeit, unter den derzeit gegebenen Umständen zu existieren (Shigo, Praxis der Baumpflege, Thalacker Verlag Braunschweig). Wie gut ein Baum mit der Eigenschaft Vitalität ausgestattet ist, hängt von verschiedensten Faktoren ab, die überprüft und eingestuft werden müssen. Ein Baum kann, je nach Standort und Kraft, uralt und durchaus vital sein - umgekehrt ist aber auch möglich, dass ein relativ junger Baum bereits weitestgehend devitalisiert ist.

"Der Grad der Vitalität spiegelt sich am Baum wider, ablesbar am Rindenbild , den Trieblängen , dem Verzweigungsbild , der Menge und Anordnung von Totholz und der Belaubung ."

  Ist ein Baum noch so vital, dass er nennenswerte Dickenzuwächse hat, zeigt sich dies an vertikal verlaufenden, hellen Zuwachszonen. Diese rissartigen Zuwachsstreifen befinden sich in den Rinden- bzw. Borkenfalten. Ihre Deutlichkeit ist je nach Baumart unterschiedlich ausgeprägt, so dass der Blick diesbezüglich zu trainieren ist. Bäume mit grober Borke zeigen Zuwächse sehr deutlich, bei Bäumen mit fein strukturierter Rinde ist wenig zu sehen. Anhaltend zu geringe Dickenzuwächse sind Folge nachlassender Vitalität. Später stellen sich auch in anderen Zonen des Baumes Vitalitätsmängel ein.

  Deutliche Trieblängenzuwächse in den oberen Kronenpartien sind ein Beleg für Dynamik und gute Vitalität. Bei nachlassender Vitalität und/oder im Alter krümmen sich die Triebspitzen, werden die Zuwächse geringer bzw. bleiben aus. Bei günstigem Verlauf bildet der Baum gleichzeitig oder verzögert Sekundärriebe (Re´terationen) in unteren Kronenpartien, woraus sich ein verkleinerter, wieder erstarkter Baum entwickeln kann. Ohne einsetzende Re´teration gerät ein solcher Baum relativ rasch in die Abgängigkeit.

  Jede Baumart hat ein für sie typisches Verzweigungsmuster, dem jeder Einzelbaum folgt, jedoch immer mit individuellen Besonderheiten, in Abhängigkeit vom Alter und/oder äußeren Einwirkungen. Dieses Verzweigungsmuster führt zu einer signifikanten Hierarchie und einer Art Interaktion in der Krone. Ohne etwas von Architekturmodellen gehört zu haben, kann jeder aufmerksame Beobachter diese Ordnung erkennen und begreifen, beginnend damit, dass er intakte Bäume derselben Art und unterschiedlicher Altersstadien intensiv studiert. Er wird erkennen, dass sich das Verzweigungsbild des Gesamtbaumes in der Krone im Kleinen wiederholt, jeder Ast für sich betrachtet einen kleinen Baum darstellt. Der Gesamtbaum ébesteht aus einer Vielzahl kleiner Bäume'.

In hohem Alter, mit nachlassender Wachstumsdynamik löst sich diese Ordnung und Verzweigungshierarchie auf. Dies ist ein ganz normaler Prozess, keine Krankheit.

Bei einem dauergestressten Baum mit anhaltend nachlassender Vitalität, kommt es zu vorzeitigen Veränderungen des Verzweigungsbildes und zum Zusammenbruch der Hierarchie: Trieblängenzuwächse in der Peripherie gehen zurück oder bleiben aus. Es bilden sich Kurztriebe (Kurztriebketten). Grobäste gehen nicht mehr über in Schwach- und Feinäste, statt dessen sind sie besetzt mit Kurztrieben und/oder Re´terationen. Manchmal fehlt sogar der Übergang von Stark- in Grobäste. In unteren Kronenbereichen und im Kroneninneren werden zahlreiche ruhende Knospen aktiviert und Re´terationstriebe bilden sich aus. Äußere Kronenpartien werden aufgegeben.

  Ältere Bäume weisen immer Totholz auf, insbesondere wenn im Kroneninneren sehr wenig Licht vorhanden ist. Einzelne abgestorbene Äste, auch Starkäste, verstreut im Kronengefüge, sind kein Beleg für nachlassende Vitalität. Anders verhält es sich, wenn komplette Kronenpartien eintrocknen (ohne dass eine mechanische Verletzung vorliegt, wie beispielsweise Wurzelabrisse, Anfahrschäden oder Blitzeinschlag) oder die Krone von der Peripherie ausgehend zurücktrocknet. Dann liegen sehr wohl Vitalitätsmängel vor.

  Im Spektrum der Beurteilungsparameter ist die Belaubung derjenige mit der geringsten Aussagekraft, denn der Zustand des Assimilationsapparates kann sich rasch ändern, sowohl in positive wie auch in negative Richtung. Beobachtet man allerdings über Jahre, dass die Blätter zu klein sind und die Blattmenge zu gering ist, dann ist dies als Beleg für nachlassende Vitalität zu werten. Ebenso verhält es sich, wenn die Blätter alljährlich zu früh verblassen, nekrotisch werden und vorzeitig fallen."

(aus: Wäldchen Breloer, Praxis der Baumbeurteilung, Teil 8, Einfluss von Alter und Vitalität auf die Verkehrssicherheit und den Wert des Baumes, Landschaftsarchitektur 9/2000)