Anforderungen
an die Baumkontrollen*



 

Baumkontrollen müssen dem jeweils geltenden Stand des Wissens und der Technik entsprechen.
Die Baumkontrolle als Regelkontrolle ist keine eingehende Untersuchung, sondern lediglich eine qualifizierte Sichtkontrolle, bei der weder Messtechnik, eine Leiter, eine Hubarbeitsbühne noch seilgestützte Klettertechnik zum Einsatz kommen.

Bei der Baumkontrolle werden das Umfeld, der Standraum und der Baum selbst überprüft. Es werden biologische und damit untrennbar verbunden, biomechanische Parameter angesprochen. Letztgenanntes kann von entscheidender Bedeutung für die Einschätzung der Verkehrssicherheit sein, darf jedoch unter keinen Umständen isoliert betrachtet werden. Biomechanische Leistungen des Baumes sind Wachstumsleistungen mit dem Ziel, statischen und dynamischen Belastungen dauerhaft und erfolgreich zu entsprechen. Wachstumsleistungen sind Ergebnis funktionierender Biologie, also ist die Beleuchtung biomechanischer Kriterien eine Teilbetrachtung der Biologie. Deshalb sollte sich jeder, der sich professionell mit Baumkontrollen beschäftigen möchte, nach und nach intensiv mit dem Aufbau und den Lebensstrategien der Bäume befassen, indem er Fachliteratur und was gleichermaßen wichtig ist, die Bäume studiert, so wie sie ihm begegnen und auch, indem er sich schulen lässt.

Es ist nicht angemessen und führt zu Fehleinschätzungen, wenn man sich auf eine rein biomechanische Betrachtung, somit auf eine Teilbetrachtung beschränkt, denn hierin liegt die Gefahr der technisierten Betrachtung eines Lebewesens, mit den Augen der Materialprüfung. Dies muss zu kurz greifen, da der Baum eben kein normiertes, technisches Konstrukt mit Flexibilitätseigenschaften, sondern ein Lebewesen ist, mit vielfältigen biologischen Strategien.

Weder ist der Baum mit der Herangehensweise des Baustatikers zu erfassen, noch alleinig mit dem Ansatz der Materialprüfung.

Bäume sind Lebewesen, die statischen und dynamischen Belastungen ausgesetzt sind, aber auch wiederum selbst dynamisch sind, ausgestattet mit eigenen Ausdrucksformen, die es zu verstehen und zu interpretieren gilt, unter Einbeziehung abgesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sofern an einem Baum Defekte festgestellt werden, ist primär darauf zu achten, wie er darauf reagiert hat. Falsch ist, einen Defekt isoliert zu betrachten, immer stärker zu fokussieren, um ihn dann schließlich dramatisch überzubewerten. Wir können zwar zahlreiche sogenannte Defektsymptome benennen. Wie lange es dauert, bis sich aus dem Symptom akute Gefahr entwickelt, können wir seriös nicht näher eingrenzen. Wir können lediglich die Entwicklung beobachtend begleiten, um das Auftauchen echter Alarmsignale (beispielsweise Rissbildung) rechtzeitig wahrzunehmen. Die Teilnahme an mehreren ein- oder zweitägigen Spezialseminaren, ohne über fundierte Grundkenntnisse und Erfahrungswissen zu verfügen, befähigt nicht zur ganzheitlichen Baumbetrachtung. Spezialseminare sind Schritte auf dem Weg zum fähigen Baumkontrolleur; Spezialseminare sind lediglich ein Teil des Ganzen.

Nachfolgend werden einige Beurteilungskriterien zusammengestellt, die speziell für die schnelle Kontrolle Hilfestellung bieten:

Was man bei der Baumkontrolle nicht vergessen darf

Wer Bäume kontrolliert, hat die Pflicht, sich den Baum von allen Seiten anzuschauen. Eine Baumkontrolle etwa vom Fahrzeug aus, ist unter keinen Umständen zu verantworten. Sofern es die Gegebenheiten nicht verhindern, sollte man sich den Baum zuerst aus größerer Distanz anschauen, um ihn in seiner ganzen Erscheinung auf sich wirken zu lassen; dies ist sehr wichtig.
Warum dies so wichtig ist, wird jedem schnell klar, sobald er es mit einem schiefstämmigen Baum zu tun hat. Je näher man an den Stamm eines solchen Baumes herantritt, umso schiefer und bedrohlicher wirkt er, da man lediglich eine Detailansicht hat, man fokussiert. Betrachtet man den schiefstämmigen Baum aus einer gewissen Entfernung, so wird man in den meisten Fällen feststellen, dass er in seiner Gesamtheit nicht schief ist. Er hat sich auf die lokale Schiefheit eingestellt und sie in seiner ganzen Gestalt ausgeglichen, durch eine entgegengesetzte Biegung weiter oben und/oder durch die Ausbildung einer asymmetrischen Krone.
Der fokussierende Blick ist Bestandteil der Baumkontrolle, sich auf die Fokussierung (Konzentrierung auf Details) zu beschränken muss allerdings zwangsläufig zu Fehleinschätzungen führen und dies trifft keineswegs nur auf schiefstämmige Bäume zu.

Das Umfeld des Baumes

Zur umfassenden Baumkontrolle (nicht zu verwechseln mit eingehender Untersuchung) gehört, dass man einen gründlichen Blick auf das nähere Umfeld des Baumes wirft, denn es prägt dessen Entwicklung und Dasein, sowohl was Biologie, Biomechanik als auch Baumarchitektur anbetrifft. Es gilt beispielsweise zu überprüfen, ob in den letzten Jahren Nachbarbäume gefällt, Gebäude abgerissen oder errichtet wurden. Der Sinn dieser Betrachtung liegt darin, Kenntnis darüber zu erlangen, ob die Windlastsituation des Baumes verändert wurde und falls dies so sein sollte, ob der Baum nun mehr Wind abbekommt (bis hin zu Verwirbelungen und Düsenwirkung) oder weniger. Je weiter eine Veränderung zurückliegt, umso länger hatte der Baum Gelegenheit sich kompensierend auf die Situation einzustellen, durch spannungsgesteuertes Dickenwachstum (auch Axiom konstanter Spannung). Bis der Baum seinen ursprünglichen Status der Verkehrssicherheit wieder erreicht hat, können allerdings ohne weiteres zehn Jahre ins Land gehen. Der Verfasser kennt Bäume, bei denen es erst Jahre nach erfolgter Freistellung zum Bruchereignis kam und das Bruchversagen zweifelsohne seine Ursache in der Freistellung hatte.

Bei Bäumen ist es häufig so, dass die Folgen von Eingriffen in das Umfeld, den Standraum und auch von Verletzungen erst mit Verzögerung sichtbar werden. Dies muss man verinnerlichen.

Der Standraum des Baumes

Im direkten Umfeld (mehrere Meter) ist der Boden gründlich in Augenschein zu nehmen:
-
Handelt es sich um naturnahe Standraumbedingungen?
-
Ist der Standraum zum Teil oder komplett versiegelt?
-
Ist der Boden verdichtet? Ist Staunässe festzustellen?
-
Liegen Wurzelkörperpartien frei?
-
Sind Adventivwurzeln zu erkennen?
-
Sofern sich Pilzfruchtkörper im Standraum befinden, ist zu klären, ob es sich um einen holzzersetzenden Pilz handelt.
-
Gibt es Hinweise darauf, dass in Stammfußnähe gegraben wurde? Wenn ja besteht unter Umständen Bedarf für eine eingehende Untersuchung. Hinweise wären beispielsweise Kantsteine geringen Alters, frische Raseneinsaat, Reparaturspuren in der Asphaltdecke, auf Friedhöfen Gräber jüngeren Datums, auf Spielplätzen Geräte jüngeren Datums usw..
-
Bei erkennbar alten Reparatur-/Eingriffsspuren ist erst dann eine eingehende Untersuchung angezeigt, wenn am Stammfuß Mängel festzustellen sind. Mängel sind beispielsweise Zonen deren Rindenbild inaktiv, erschlafft wirkt (Manche sprechen von eingesunkenen Bereichen, was genau genommen nicht korrekt ist, denn diese Stellen sinken nicht ein, sondern sie wachsen nicht mehr mit.) oder scheinbar fehlende Wurzelanläufe, Pilzfruchtkörper, überdeutliche Dickenzuwächse (mit denen der Baum erhöhte Spannungen abbauen möchte) etc.. Sind keine derartigen Merkmale feststellbar, besteht keine Veranlassung an der Verkehrssicherheit des Baumes zu zweifeln.
-
Sind im Gegensatz zum vorher Beschriebenen, stammnah Reparatur-/Eingriffsspuren ablesbar, die erst ein paar Monate oder wenige Jahre alt sind, so sollte man sich durchaus eher aufgefordert fühlen eine eingehende Untersuchung zu veranlassen, da der zeitliche Abstand zwischen einer eventuellen Wurzelkörperverletzung und dem Kontrollzeitpunkt zu kurz ist, als dass sich deutliche Defektsymptome hätten bilden können.
-
Werden nach einem Starkwindereignis in Stammfußnähe klaffende, tiefreichende Bodenrisse festgestellt, muss unverzüglich ein Sachverständiger hinzugerufen werden, denn möglicherweise ist Gefahr im Verzuge.

Stammkopf

Der Stammkopf ist die Zone, in der sich der Stamm in zwei oder mehrere Stämmlinge verzweigt, die Krone ihren Ausgangspunkt hat oder umgekehrt betrachtet, die Kraftflüsse der einzelnen Kronenteile ankommen, sich bündeln, um dann stammabwärts weitergeleitet zu werden – ein biomechanisch in höchstem Maße beanspruchter und zu optimierender Bereich, eine Art Verkehrsknotenpunkt der Kraftflüsse. Weitere Verkehrsknotenpunkte der Kraftflüsse sind der Stammfuß und stärkere Verzweigungspunkte (Gabelungen). Hier muss viel und besonders gutes Holz angelagert und in Umfangsrichtung stark komprimierende Wachstumsspannungen erzeugt werden. Diese Verkehrsknotenpunkte sind die Bereiche, die besonders gründlich in Augenschein genommen werden müssen. Dort festgestellte Mängel haben in einem wesentlich früheren Stadium sicherheitsrelevante Bedeutung, als solche in nicht verzweigten, ungekrümmten Baumteilen.

Verzweigt sich ein Stamm in zwei Stämmlinge, so kann dies in Form eines stabilen Zugzwiesels geschehen oder als stabiler Druckzwiesel, aber auch in Form eines potentiell instabilen Druckzwiesels. Beim stabilen Druckzwiesel stehen die Stämmlinge enger zueinander, als beim Zugwiesel, die Dickenzuwächse sind deutlich erkennbar exzentrisch, zugunsten der druckbelasteten Seiten erfolgt. Im Gegensatz zum potentiell instabilen Druckzwiesel finden sich beim stabilen Druckzwiesel keine, die Zwieselnaht extrem verlängernden seitlichen Anbauten (Zwieselohren genannt), ebenso wenig ist eingeklemmte Rinde (Verbindungsfehlstelle) festzustellen. Die beiden zuletzt genannten Merkmale (Phänomene) können im Fall plötzlicher Umfeldveränderung gleichbedeutend mit nicht gegebener Verkehrssicherheit sein.

Verzweigt sich ein Stamm in Form eines Zug- oder stabilen Druckzwiesels, so ist der Baum in dieser Zone als bruchsicher einzustufen.

Freistehend aufwachsende Bäume bilden selten instabile Druckzwiesel aus. Geschieht dies ausnahmsweise doch, ist davon auszugehen, dass die Bruchwahrscheinlichkeit mit jedem Jahr zunimmt, denn der Stammkopf solcher Bäume verfügt über zu wenig komplette Jahrröhren (im Querschnitt Jahrringe), um sich im Freistand auf Dauer ausreichend zu stabilisieren. Aufgrund von Fehlstellen sind die Voraussetzungen nicht gegeben, um im Verlauf des spannungsgesteuerten Dickenwachstums ausreichend Material anzulagern bzw. die notwendigen, selbstsichernden Wachstumsspannungen zu erzeugen.

Weist ein Solitärbaum einen instabilen Druckzwiesel auf, muss an der Verkehrssicherheit gezweifelt werden und besteht Handlungsbedarf. Dann ist beispielsweise zurückzuschneiden und/oder eine Kronensicherung einzubauen, gleichgültig ob die Zwieselnaht quer oder längs zur Hauptwindrichtung ausgerichtet ist, denn das Bruchversagen wird durch in Böen entstehende Torsionen ausgelöst, die primär in horizontal auslegende Kronenteile eingeleitet werden. Welcher Teil der Krone das sein wird und wann das Bruchereignis eintritt, lässt sich nicht konkret vorhersagen (prognostizieren), mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wächst ein derartiger Baum einem Bruchereignis entgegen.

In aller Regel ist es so, dass Bäume nur dann potentiell instabile Druckzwiesel ausbilden, wenn sie im Streben nach Sonnenlicht einem kritischen Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, sei es im Wald, an waldähnlichen Standorten oder wenn sie durch Gebäude abgeschirmt werden. Warum sich unter solchen Bedingungen der eine Baumstamm derart verzweigt, der andere jedoch einen stabilen Zwiesel ausbildet, ist nicht geklärt.

Der potentiell instabile, an den die Zwieselnaht extrem verlängernden Anbauten und eingeklemmter Rinde erkennbare Druckzwiesel ist eine biomechanische Lösung, die wie alle anderen dem Axiom konstanter Spannung unterworfen ist, wobei hier allerdings das den Baum entlastende Umfeld eine besondere Rolle spielt. Der Baum steht geschützt, erfährt also relativ geringen Winddruck, die Zwieselnaht geringe Zugbelastung, sodass er sich im Zuge des spannungsgesteuerten Dickenwachstums auf diese Situation einstellt. Die innere und äußere Optimierung des Stammkopfes muss bei weitem nicht den Anforderungen eines Solitärbaumes entsprechen.
Solange sich das Baumumfeld nicht ändert ist auch der instabile Druckzwiesel verkehrssicher.

Problematisch wird es jedoch, sobald ein solcher Baum abrupt freigestellt wird, dann muss von stark erhöhter Bruchgefahr ausgegangen werden, da die Stämmlinge nun in ungewohnter Weise schwingen müssen, ihre Basis aber nicht für solche Belastungen optimiert wurde. Dass dies so ist, kann immer wieder im Wald beobachtet werden. In den ersten Jahren nach Durchforstungen kommt es während Starkwindereignissen zum Bruchversagen instabiler Druckzwiesel.

Wird eine der nachfolgenden Feststellungen getroffen, so ist (unverzüglich) eine eingehende Untersuchung erforderlich:

-
Der Stammkopf scheint an der Zwieselnaht aufgerissen zu sein. (unverzüglich).
-
Der Baum hat einen potentiell instabilen Druckzwiesel und wurde freigestellt oder soll freigestellt werden.
-
Der Stamm teilt sich in mehr als zwei Stämmlinge, die Stämmlinge haben horizontal weit ausladende Äste. Die Stämmlingsspitzen sind nach außen gebogen. Zwischen den Stämmlingen ist Rinde eingeklemmt.
-
Am Rindenbild der Stämmlingsunterseite sind ungewöhnlich starke (d. V. nennt sie panikartige oder auch hysterische) Dickenzuwächse ablesbar. In solchen Fällen zeichnen sich die Zuwächse nicht, wie üblich, als schmale, cremefarbene Streifen ab, sondern als Fläche. Bei Nadelbäumen ist dies in aller Regel kein Problem, bei jüngeren Laubbäumen meistens auch nicht, bei alten Laubbäumen allerdings schon. Mit zunehmenden Alter lassen bei Laubbäumen die Dickenzuwächse im Starkholz normalerweise nach. Von der Krone abwärts betrachtet wird dieser Trend signifikant deutlicher. Die Biegewilligkeit nimmt ab, der Baum setzt zunehmend auf Steifigkeit. Zeichnet sich im Rindenbild ein anderer Zuwachstrend ab, so hat es entweder eine drastische Veränderung im Umfeld gegeben, oder der Baum kämpft aus anderen Gründen lokal gegen eine kritische Spannungserhöhung an.
-
Auf der Unterseite eines Stämmlings zeigen sich stark ausgeprägte, wellige Stauchungen.
- Auf der Unterseite eines Stämmlings zeigen sich senkrecht verlaufende, klaffende Risse. (unverzüglich!)
-
In der Stammkopfzone befinden sich Pilzfruchtkörper.

Weit ausladende Stämmlinge oder Starkäste

Die Tatsache, dass ein Teil der Krone weit auslädt, begründet für sich genommen nicht die Annahme, dass erhöhte Bruchgefahr vorliegt.

Führt man sich vor Augen, wie viele Bäume in unseren Städten, Dörfern und an unseren Straßen stocken (die Wälder also gar nicht mit berücksichtigt), erkennt man, dass die Anzahl der Bruchereignisse verschwindend gering ist, eigentlich nicht erwähnenswert - wären da nicht, in nochmals selteneren Fällen die Personen- und Sachschäden.

Die Tatsache, dass es so wenige Bruchereignisse gibt, dokumentiert, dass Bäume außergewöhnlich sichere Naturkonstruktionen sind.

Kommt es während Sturm dennoch zu einem Bruchereignis, so beschränkt sich dessen unmittelbare Auswirkung meistens auf die Baumkrone. Dies liegt erwiesenermaßen daran, dass die Natur dafür gesorgt hat, dass der Baum in seinen verschiedenen Körperzonen einem Bruchversagen unterschiedlich stark widerstehen kann (Zonal abgestufte Sicherheitsfaktoren, von unten nach oben abnehmend.).
Wie alle dauerhaften Lösungen (Strategien) in der Natur, so ist auch die vorgenannte in höchstem Maße sinnvoll. Wäre der Baum überall gleichermaßen bruchsicher, so wäre er als Ganzes vom Bruchversagen betroffen, oder die Natur müsste vom Leichtbauprinzip (Soviel wie nötig, sowenig wie möglich.) abweichen und sämtliche Körperteile übertrieben stark ausbilden (Überdimensionierung), eine Energieverschwendung, die von der Natur im Laufe der Evolution negiert wurde, eben durch das Prinzip der Leichtbauweise.

Wollte die Natur dem Leichtbauprinzip folgen und gleichzeitig sicherstellen, dass der Baumkörper im Falle von windbedingter Spannungsüberhöhung nicht als Ganzes vernichtet würde, so musste sie im übertragenen Sinne ein Überdruckventil schaffen, was ihr mit der zonalen Abstufung des Sicherheitsfaktoren gelang.
Das Ausbrechen von Kronenteilen während Starkwindereignissen führt einerseits zu biologischen Schäden, selbstverständlich, andererseits aber zu einer sofortigen Entlastung des Baumes. Durch die bruchbedingte Reduzierung der Windangriffsfläche wird der Baum von Spannungsüberhöhungen befreit, sein Überleben ist gesichert - ein faszinierendes Phänomen.

Allerdings muss uns das Wissen um dieses Phänomen zu der Erkenntnis führen, dass insbesondere die stärkeren Kronenteile sehr gründlich zu kontrollieren sind. Da Kronenteile geringere Sicherheitsreserven haben als untere Baumpartien, sind bruchmechanisch relevante Mängel bereits in einem früheren Stadium nicht mit der Verkehrssicherungspflicht zu vereinbaren, als dies bei unteren Baumpartien der Fall ist. Die Verwendung eines Fernglases kann erforderlich sein und ist im Rahmen der regulären Baumkontrolle als zumutbarer Aufwand zu betrachten.
Während es (oberflächlich betrachtet) im Sturm oder Orkan in den unteren Baumzonen relativ ruhig zugeht, müssen die Kronenteile eine ungeheure Dynamik ertragen (D. V. hat zahlreiche Feldbeobachtungen während Stürmen und Orkanen durchgeführt.), sie werden hin und her geschleudert, verbogen und verdreht und sie leiten verdrehende Belastungen (Torsionen) in den Stamm(kopf) ein. Nach meiner festen Überzeugung sind die Torsionen die kritischsten Belastungen von allen und dies gilt für den gesamten Baumkörper (Diese Erkenntnis ist eine wichtige Entscheidungsgrundlage für zu konzipierende Schnittmaßnahmen.). Die Bewegungen der einzelnen Kronenteile sind übrigens nicht vorhersehbar, nicht kalkulierbar, weder in ihrer Richtung, Häufigkeit, noch in ihrer Intensität. Hier lässt sich nichts abschätzen, extrapolieren und greifen keine Formeln. Diese Abläufe sind so komplex, ja chaotisch, dass sie sich jeder nachvollziehbaren Berechnung entziehen.
Dennoch, die Baumkrone gibt uns zahlreiche, gut verwertbare Informationen. So informiert sie uns darüber, ob sie bisher all diesen Anforderungen mehr oder weniger unversehrt widerstehen konnte, oder ob sie schon mal als Überdruckventil fungieren musste, oder ob es Anzeichen gibt, die begründete Zweifel daran aufkommen lassen, dass es auch beim nächsten Starkwindereignis nicht zum Bruchversagen kommt.
Die Bruchsicherheit von Baumkörperteilen hängt primär davon ab, dass die Dickenzuwächse dauerhaft spannungsgesteuert erfolgen, also nicht nur rein biologisch (minimalistisch), sondern an den mechanischen Belastungen (Eigengewicht, Biege-, Torsionsbelastungen) orientiert, die in signifikanter Weise am und im Baum wirksam waren und durch das Kambium registriert wurden.
Im Zuge des spannungsgesteuerten Dickenwachstums (Stichwort: Axiom konstanter Spannung) gibt der Baum jedem Körperteil die für die erfahrenen Belastungen günstigste Form, man spricht hier auch von innerer und äußerer Gestaltoptimierung.
Im Innern optimiert sich der Baum, indem er die Holzbestandteile (grob: Cellulose, Hemicellulose, Lignin, Pektin) an jeder Stelle genau so kombiniert, wie es dort mechanisch am effektivsten ist, denn die genannten Bestandteile eignen sich unterschiedlich gut für die verschiedenen Belastungsarten. So findet sich dort, wo Zugbelastungen überlagernd vorhanden sind besonders viel Cellulose und dort, wo es Druckbelastungen sind besonders viel Lignin. Zur inneren Optimierung gehört auch die Ausstattung des Holzkörpers mit Holzstrahlen, deren Aufgabe es ist, eine sichere Verbindung zwischen den einzelnen Jahrröhren (Im offenen Sägeschnitt als Jahrringe zu sehen.) zu gewährleisten. Als letzter Aspekt der Inneren Optimierung sei das Erzeugen von Wachstumsspannungen genannt. Diese Kräfte wirken in Umfangsrichtung zusammendrückend (komprimierend) und dienen der Rissvermeidung, insbesondere an Stellen, wo besonders hohe Druck- bzw. Querzugbelastungen vorherrschen, z. B. auf der Unterseite säbelartig gekrümmter Stämme, oder stark aufwärts gebogener Kronenteile. Durch die Wachstumsspannungen werden die Holzstrahlen von den Seiten her zusammengepresst, aber auch im Falle von bereits vorhandenen Rissen sind sie von enormer Bedeutung.
Die äußere Optimierung ist untrennbar mit der inneren verbunden, sie ist das Ergebnis derselben. Indem der Baum in unterschiedlicher Ausprägung Holz anlagert, gestaltet sich der jeweilige Querschnitt in biomechanisch signifikanter Weise, im Prinzip vorhersehbar. Je einseitiger die Dauerbelastung, desto exzentrischer gestaltet sich das Dickenwachstum des Baumkörperteils, weg vom Rund, hin zum Oval.
In der Regel darf man sich darauf verlassen, dass diese selbstsichernden Wachstumsabläufe funktionieren, da jedoch jede Regel ihre Ausnahmen hat, gilt es diese möglichst frühzeitig zu erkennen, um einem Bruchereignis zuvorzukommen, damit Personen- und Sachschäden, aber auch Verletzungen des Baumes selbst vermieden werden. Eine der Beeinträchtigungen ist anhaltend nachlassende Vitalität, denn spannungsgesteuertes Dickenwachstum, innere und äußere Optimierung sind auf Dauer nur bei ausreichender Kraft und Vitalität möglich. Aus diesem Grunde muss vom Baumkontrolleur gefordert werden, dass er in der Lage ist die Vitalitätsparameter zu interpretieren, er muss Rindenbilder und Verzweigungsmuster interpretieren können.

Die Tatsache, dass ein Kronenteil weit auslädt begründet für sich noch keine erhöhte Bruchgefahr.Von einer erhöhten Bruchwahrscheinlichkeit muss ausgegangen werden, wenn der Baum entsprechende Hinweise gibt und/oder zu den Hybridpappeln gehört.
Die Hybridpappel wächst sehr stark (Bastardwachstum), bei ungenügender innerer Optimierung und dem Vorhandensein zahlreicher Mikrodefekte. Aufgrund der im Vergleich schlechten Holzstrahlenqualität (dadurch u. a. mangelhafte Astanbindung) und des bereits nach wenigen Lebensjahrzehnten relativ schlechten kritischen Abschottungsvermögens (dadurch eine Vielzahl von Holzkörperdefekten) kommt es bei den Hybridpappeln relativ häufiger zu Ast- oder Stämmlingsbrüchen. Ein fachgerechtes Einkürzen und/oder Sichern ist hier frühzeitiger angezeigt als bei anderen ‚Bäumen. (diese „Hybridpappel-Problematik“ ist seit langem Bestandteil des fachlichen Erfahrungswissen, wissenschaftlich fundierte Veröffentlichungen der letzten Jahre lieferten die entsprechenden faktischen Belege.).

Die Bruchsicherheit von Körperteilen des Baumes ist dauerhaft nur dann gegeben, wenn äußere und innere Optimierung ausreichend funktionieren, was entsprechende Vitalität voraussetzt. Beginnende Skepsis ist angebracht, wenn man feststellt dass die Rinde inaktiv (bröckelig, fehlende Zuwachsstreifen, eingesunken) wirkt, das Verzweigungsbild schlecht ist (siehe hierzu die Veröffentlichungen von Dr. Peter Gleißner und Prof. Dr. Andreas Roloff) und/oder ein Totholzaufkommen von der Peripherie her zu beobachten ist, sowohl am weit ausladenden Starkast/Stämmling selbst und/oder an den Kronenteilen, die oberhalb angeordnet sind. In solchen Fällen sollte man das Totholz entfernen und die in Frage kommenden belebten Starkäste/Stämmlinge entlasten, durch fachgerechtes Einkürzen der ungünstigsten „Hebel“, bis in den Grobastbereich, manchmal bis in den Starkastbereich. Blattgröße und Belaubungsdichte sind wenig aussagekräftige Vitalitätsparameter, da hier Änderungen innerhalb kurzer Zeiträume stattfinden können.

Die Starkast- und/oder Stämmlingsanbindungen müssen dahingehend kontrolliert werden, ob bruchbegünstigende Mängel festzustellen sind, wie beispielsweise Pilzfruchtkörper, eingeschlossene Rinde, mangelhafte oder fehlende Stammkragen (Kommt insbesondere bei alten Linden vor und deutet sich von unten betrachtet durch sehr starkes Stützholzwachstum, kombiniert mit ausgeprägter Gestaltoptimierung an. Die nicht selten Jahrzehnte alten aussteifenden „Stützbalken“ sind schmal und geben der Starkast- und/oder Stämmlingsbasis ein besonderes Aussehen, also ein nicht zu übersehendes Kennzeichen. Auf der Oberseite weisen solche Kronenteile häufig Ausfaulungen oder gegen null gehende Zuwächse, mit glatter, gespannter Rinde auf, da der Baum dort die Holzproduktion annähernd eingestellt hat, zugunsten einer rein abstützenden biomechanischen Strategie. Derartige Kronenteile lassen sich meistens sehr gut sichern.), deutliche Risse und/oder Rindenstauchungen.

Auf diese Weise müssen auch die stärkeren Verzweigungszonen der weit ausladenden Starkäste und Stämmlinge überprüft werden. Krümmungen der Kronenteile müssen auf das Vorhandensein von klaffenden Aufspaltungen untersucht werden. Solche Aufspaltungen sind die Folge von überhöhten Querzugskräften, die entstehen können, wenn sehr starke Biegekräfte entgegen der Krümmung wirksam werden. Beim Vorhandensein von Aufspaltungen (Unglücksbalken) ist, ebenso wie beim Vorhandensein von Pilzfruchtkörpern, zumindest ein starker Entlastungsschnitt erforderlich, eventuell sind zusätzliche Sicherungseinbauten erforderlich. Eine komplette Entfernung des geschädigten Kronenteils ist in aller Regel aus baumpflegerischen Gründen abzulehnen. Solche Aufspaltungen (Unglücksbalken) treten selten auf und dann meistens bei Trauerweide, Roßkastanien und Pappeln. Die Kontrolle von Stämmlingen und Starkästen ist vom Boden aus durchzuführen; erst bei begründetem Verdacht muss eingehender geprüft werden, eventuell unter Einsatz einer Leiter, Hubarbeitsbühne oder seilgestützter Klettertechnik.

Schiefer Baum, Hangbaum, Uferbaum

Alleine die Tatsache dass ein Baum schief ist, an einem Hang oder Ufer stockt, begründet für sich keine erhöhte Bruchgefahr, da Bäume spannungsgesteuert in die Dicke wachsen, sich also anpassen und selbst sichern.

Von einem erhöhten Bruchrisiko muss unter den gleichen Voraussetzungen wie bei den einzelnen stark ausladenden Starkästen und Stämmlingen ausgegangen werden. Zeigen sich gravierende Stammschäden sollte ein(e) anerkannte(r) Sachverständige(r) hinzugezogen werden. Oftmals kann durch gezielte Rückschnitte und/oder Sicherungsverbund mit geeigneten Nachbarbäumen gesichert werden, entsprechende Vitalität vorausgesetzt.

Darüber hinaus müssen hier die Wurzelanläufe und der Standraum kontrolliert werden, sowohl auf der zug- als auch auf der druckbelasteten Seite. Abgesehen von der visuellen Überprüfung des bodennahen Holzkörpers, muss der Boden selbst in Augenschein genommen werden, insbesondere nach außergewöhnlich hohen Wasserständen und/oder Sturmereignissen. Maßnahmen müssen ergriffen werden, wenn sich auf der Zugseite klaffende Risse zeigen. (Handelt es sich bei dem betroffenen um einen vitalen Baum und stehen geeignete Nachbarbäume zur Verfügung, so kann man mittels Sicherungsverbund eingreifen und/oder einen Rückschnitt durchführen.).
Ist nicht nur ein Riss entstanden, sondern hat sich zudem die Wurzelplatte stufenartig abgesenkt, so ist der Baum regelrecht ins Rutschen geraten, was sich aber durch Bodenveränderungen auf der druckbelasteten (unteren) Seite bestätigen lassen muss, beispielsweise durch wellige Stauchungen oder durch ein offenliegendes Bodenprofil. Rutschende Bäume sollte man entfernen.
Bäume deren vorwiegend druckbelasteter Wurzelkörper teilweise frei liegt, kann man an wenig frequentierten Standorten belassen, sie sind jedoch häufiger zu kontrollieren. Ein Unterfüttern mit neuem Erdreich sollte, wenn möglich, erfolgen. Werden weitere beunruhigende Veränderungen beobachtet, sollte ein(e) anerkannte(r) Sachverständige(r) hinzugezogen werden.
Bäume mit vorwiegend zugbelastetem, frei liegenden Wurzelkörper stellen im übertragenen Sinne tickende Zeitbomben dar, die nicht wirklich zu entschärfen sind, weshalb man sie beseitigen sollte. Bäume mit freiliegenden Wurzelkörperteilen sollten nicht freigestellt werden; dies gilt gleichermaßen für Uferbäume, die im Windschatten groß geworden sind.
Nach diesem Eingehen auf mögliche Mängel muss deutlichst darauf hingewiesen werden, dass lediglich eine sehr geringe Anzahl von Bäumen davon betroffen ist.

Hohler Baum

Im vorangegangenen Abschnitt wurde verdeutlicht, dass der schiefe Baum, der Hangbaum und der Uferbaum in aller Regel verkehrssicher sind, bei gegebener Vitalität und intakter Bodenmechanik. Auch für den hohlen Baum gilt, dass alleine die Tatsache der Aushöhlung noch keine akute Bruchgefahr begründet. Man denke an dieser Stelle an die oftmals völlig ausgehöhlten Uraltbäume, von denen Jahrzehnte alte, manchmal Jahrhunderte alte Abbildungen existieren, die sie bereits ausgehöhlt darstellen.

Nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand muss (statistisch) von deutlich erhöhter Bruchgefahr ausgegangen werden, wenn ein Baum noch über seine volle, weder künstlich noch natürlich verkleinerte Krone verfügt, der Stamm dabei jedoch soweit ausgehöhlt ist, dass die Restwandstärke ein Drittel oder weniger des ermittelten Stammradius beträgt (Beispiel: Stammdurchmesser beträgt 120 cm, also Radius gleich 60 cm, ein Drittel davon sind gleich 20 cm. Statistisch betrachtet begänne das kritische Ausfaulungsstadium ab 20 cm Restwandstärke, sofern der Baum nicht bereits reduziert ist.) Da dies lediglich eine rein statistische Aussage ist, sollte in solchen Fällen stets individuell geprüft und entschieden werden, ob ein Rückschnitt tatsächlich erforderlich ist.
Der Umfang eines eventuell erforderlichen Rückschnittes darf nicht willkürlich entschieden werden. Eine wissenschaftliche Festlegung, etwa durch Berechnung, ist nach Kenntnis d. Verf. jedoch auch nicht möglich. Das entsprechende Konzept sollte von einer anerkannten Fachperson erarbeitet werden, die über Erfahrungswissen und nach Möglichkeit langjährige Praxis verfügt. Grundsätzlich ist es ratsam, sobald man in den statistisch betrachtet kritischen Bereich kommt, eine(n) Sachverständige(n) hinzuzuziehen. Manchmal ist der Einsatz von Messtechnik nötig, was aber nur dann Sinn macht, wenn der Anwender nachweislich mit dieser Technik (beispielsweise Bohrwiderstandsmessung und Schall-Laufzeitmessung) und der korrekten Anwendung sowie Interpretation vertraut ist. Dies ist deswegen erwähnenswert, weil es mehr verkaufte Geräte als verantwortungsvolle Anwender gibt, Anwender die nicht wissen warum sie messen, wo sie messen und was sie durch die Messung eigentlich erfahren haben.

Falls tatsächlich gemessen werden muss, sind Materialkenntnisse und Kenntnisse über Besonderheiten der jeweiligen Baumart unerlässlich. Die druckbelastete Restwand sollte übrigens dicker sein als 0,3 mal ermittelten Radius, denn Altbäume verlagern ihre biomechanische Strategie stark zum Abstützen, wie bereits erwähnt. Außerdem sind die Festigkeitseigenschaften des stark ligninhaltigen Stützholzes, also des Holzes auf der druckbelasteten Seite, nicht gleichermaßen gut wie auf der zugbelasteten Seite.

Alte, schöne Baumpersönlichkeiten sind sehr häufig hohl. Sich mit seriösem Verantwortungsbewusstsein (in alle Richtungen) um ihren Erhalt zu bemühen, ist unsere baumpflegerische Pflicht.
Ein(e) Sachverständige(r) sollte hinzugezogen werden, wenn ein Stamm nicht nur hohl, sondern auch weit geöffnet ist, die Borke auf der Zugseite sehr gespannt wirkt oder die Restwand Risse aufweist.

Wunden, Faulstellen, Risse, Abbrüche

Bei der Beurteilung von Defekten ist stets darauf zu achten wo sie sich befinden; sind sie Kraftflusshindernis auf der zugbelasteten oder der druckbelasteten Seite, oder dazwischen? Liegt ausreichender Wundholzzuwachs vor? In welchem biologischen Altersstadium befindet sich der Baum? Von welchem Reaktionsvermögen des Baumes darf ausgegangen werden?

Das Rindenbild ist dahingehend zu überprüfen, ob es Dickenzuwächse widerspiegelt (helle Zuwachsstreifen) oder ob Inaktivität abgelesen werden muss. Ist die Rinde auf der zugbelasteten Seite gespannt, gar mit abplatzender Borke? Liegen auf der druckbelasteten Seite gleichzeitig Stauchungen vor, möglicherweise mit senkrecht verlaufenden Rissen?
Sind Besonderheiten festzustellen wie Einwallungen, Rippen, „Flaschenhals“, „Elefantenfuß“, ausgeprägt bauchige Verdickungen usw.?
Sofern eine größere Anzahl von Defekten zu verzeichnen ist sollte eine anerkannte Fachperson hinzugezogen werden, da in diesen Fällen in aller Regel baumpflegerischer Handlungsbedarf besteht, dessen Umfang nicht willkürlich festgelegt werden darf.

Pilzfruchtkörper am Baum

Der Fruchtkörper ist Bote der Information, dass im Baum Holzabbau (Destrukturierung) stattfindet. Ob eine Gefahr vorliegt ist sachverständig zu prüfen. Entscheidend ist welche Zonen des Baumkörpers betroffen sind (Verzweigungs-/Gabelungszonen sind besonders problematisch), welche Art des Abbaus konkret vorliegt, welches Ausmaß von Destrukturierung vorliegt, wie der Baum mit der Besiedlung umgeht (Funktioniert die Umsetzung des AXIOMS KONSTANTER SPANNUNG?) und wie er sich insgesamt darstellt. Das Ignorieren von Pilzfruchtkörpern wäre fahrlässig, Angstreaktionen sind jedoch nicht angebracht (siehe hierzu: Schwarze, Engels, Mattheck, „Holzzersetzende Pilze in Bäumen – Strategien der Holzzersetzung“ , Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau, 1999).

Alt- und Uraltbäume belegen immer wieder, dass es häufig ein harmonisches und durchaus mit der Verkehrssicherungspflicht zu vereinbarendes Miteinander, zwischen Baum (Wirt) und Pilz (Parasit) gibt, über Jahrzehnte hinweg.
Jeder Fall von Pilzbesiedlung ist individuell zu klären, was sich bei einem Baum verheerend ausgewirkt hat kann bei einem anderen völlig anders sein. Wird ein Pilz in Lehrbüchern als aggressiver Fäuleerreger beschrieben, so darf dies nicht so gelesen werden, als wäre jeder von diesem Pilz besiedelte Baum akut bruchgefährdet oder ein uneinschätzbares Sicherheitsrisiko, das es zu beseitigen gilt. Pilzbesiedlung bewerten zu können setzt nicht nur baumbiologische, sondern auch pilzbiologische Kenntnisse voraus.
Eine auf diesem Gebiet erfahrene Fachperson kann dies meistens zuverlässig abklären, ohne einen aufwendigen Untersuchungsaufwand betreiben zu müssen. In vielen Fällen kann man einen langfristigen, sicheren Baumerhalt gewährleisten, durch schrittweises, nicht devitalisierendes Zurückschneiden (mit mindestens fünfjährigen Schnittpausen) und/oder Einbringen eines Sicherungsverbundes. Kronensicherungen sollten nur eingebaut werden, wenn sie wirklich sinnvoll sind. Ein ausgefaulter Stammfuß wird nicht sicherer, weil man eine Kronensicherung einbaut.

Wo das Mittel der Kronenreduzierung aus fachlichen Gründen nicht zur Verfügung steht, man aber den betroffenen Baum eigentlich erhalten möchte, muss eine messtechnische Zulässigkeitsprüfung durchgeführt werden, um zu untersuchen wie viel intaktes Holz noch vorhanden ist, ob effektive Abschottungszonen gebildet wurden, wie sich der Zuwachstrend darstellt usw. . Derartige Untersuchungen sind möglich, beispielsweise mit Bohrwiderstandsmessungen.

Wasser im Baum

Entgegen früheren Annahmen, die auch ihren Niederschlag in Fachbüchern fanden, müssen wir heute deutlich zum Ausdruck bringen, dass Wasseransammlungen im Baum als unproblematisch anzusehen sind. Vor Mitte der achtziger Jahre war es in der deutschen Baumpflege durchaus üblich bis zu drei Zentimeter starke Löcher in den Holzkörper zu bohren, um Wassertaschen zu entleeren oder vermutete Wasseransammlungen trocken zu legen. In diese Bohrlöcher wurden Metall-, später Kunststoffröhrchen geschoben (um einen bleibenden Abfluss zu gewährleisten), womit eine Wundüberwallung selbstverständlich unmöglich wurde. Man glaubte dass diese schwere, künstlich erzeugte Verletzung weniger gravierend wäre, als das natürliche Vorhandensein von Wasser, heute ist uns bewusst was wir den Bäumen angetan haben.
Wasseransammlungen sind nicht bedenklich, verändern sie doch das ohnehin feuchte Milieu nicht nachteilig; viele Fäule begünstigende Organismen können im Wasser nicht existieren.
Das Wissen um diesen Sachverhalt machen sich die Forstleute zu Nutze. Müssen geschlagene Stämme längere Zeit aufgehoben werden, bedient man sich beispielsweise gerne der Teichlagerung
Eine Ausnahme könnte sein, wenn sich Wasser im Bereich eines Zwieselrisses (mit tiefer reichender Fäule) ansammelt. Durch sehr starken Frost könnte das Wasser zu einem sich ausdehnenden Eisblock gefrieren, der den Zwiesel weiter reißen lassen könnte. Man kann versuchen den Hohlraum vorsichtig auszuräumen und mit feinem Waschkies zu verfüllen, um eine Eisblockbildung unmöglich zu machen. Die Worte könnte und kann tauchen deswegen gehäuft auf, weil es sich hier um ein Problem eher theoretischer Natur handelt.

Zopfdürre (peripheres Kronensterben), Blattverfärbungen, verminderte Blattgröße, Belaubungsdichte

Belaubungsdichte, Blattgröße, Blatt- und Nadelanomalien können eventuell für ein Zustandsgutachten von Bedeutung sein, das auf ein Baumpflegekonzept abzielt, nicht aber für die Beurteilung der Verkehrssicherheit, denn der Zustand des Assimilationsapparates kann sich innerhalb kurzer Zeit verändern. Das Verzweigungsmuster dagegen sollte sehr wohl als Parameter herangezogen werden, weil es Rückschlüsse auf die Vitalität zulässt und somit für eine Prognose geeignet ist. Allerdings ist die Zahl derer die dies beherrschen, selbst in Sachverständigenkreisen vergleichsweise gering.

Das Vorhandensein von Totholz, wenn es die Kronenperipherie oder einen kompletten Kronenteil erfasst hat, muss unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit beurteilt werden, sowohl was die abgestorbenen Baumteile selbst angeht (Je nach Baumart bricht Totholz relativ rasch aus (z.B. Pappel, Linde und Buche) oder bleibt sogar Jahrzehnte in der Krone ohne zu brechen (beispielsweise Eiche, Robinie und Ulme)), als auch was die Bruchsicherheit des Wurzelkörper betrifft, denn ein Totholzaufkommen wie das beschriebene geht einher mit Schäden des unterirdischen Baumkörpers. Bei frischen Blitz- oder Feuerschäden mit unmittelbarer Totholzbildung, ist der Wurzelkörper zwar nicht unbedingt akut geschädigt, aber in der Folgewirkung, aufgrund von sich einstellenden Versorgungsmängeln.
Allgemein gilt Totholz ab fünf Zentimeter Durchmesser als gefährlich, eine nach Ansicht des Verfassers vereinfachende Darstellung, die bei näherer und praxiserfahrener Betrachtung als nicht zutreffend bezeichnet werden muss. Hierauf hinzuweisen ist wichtig, denn Totholz ist von großer ökologischer Bedeutung (Biotop-/Habitatfunktionen), weshalb man es nur beseitigen sollte, wenn ein Belassen mit dem Baumerhalt und/oder dem Einhalten der Verkehrssicherungspflicht wirklich nicht vereinbar ist.
Ob von toten Ästen eine reale Gefahr ausgeht, muss im Einzelfall geprüft werden: Sind sie sehr lang?
-
Könnten sie ungebremst zu Boden fallen?
-
Befindet sich der abgestorbene Ast in der Krone eines Baumes, der zu einer Art gehört, die das Totholz sehr lange hält (wurde bereits drauf eingegangen)?
-
Ist der abgestorbene so wichtig (weil er beispielsweise Höhlen aufweist), dass man ihn sichern sollte?
Einzelne abgestorbene Äste, verstreut im Kronengefüge stellen keinen Hinweis auf nachlassende Vitalität dar; bedingt durch das Alter und/oder das Verzweigungsmuster sind sie natürlicher Bestandteil einer gesunden Krone. Ob man sie belässt oder entfernt, ist auf der Basis der vorgenannten Kriterien zu entscheiden. Ein umfangreiches Absterben, ausgehend von der Kronenperipherie, bei gleichzeitiger Ausbildung von Reïteraten, stellt sozusagen ein Glück im Unglück dar und begründet eine gute Prognose für eine zu konzipierende Erhaltungsstrategie, der Kronenverjüngung. (164)

Vorhandene Kronensicherungen

Der innerörtliche Straßenbaum muss ganz besonders intensiv auf Veränderungen im Standraum und Umfeld (Beseitigung von Nachbarbäumen, Abriss von schützenden Gebäuden, Schachtungsarbeiten etc.) geachtet werden.

Befindet sich eine Kronensicherung im Baum deren Seile straff gespannt sind, so bedeutet dies, dass der Baum die Sicherung bereits in Anspruch nimmt und nach fachgerechter Entlastung oder Weiterstellung „schreit“ . Die Entscheidung darüber ist nicht einfach. Wo Seile straff gespannt sind herrscht starke Zugbelastung vor. Wenn man entlasten will, ist sorgfältigst zu überlegen. Niemals als ersten Schritt einfach ein Seil oder Eisenringe durchtrennen – dies kann lebensgefährlich sein!


Dieser Beitrag von Marko Wäldchen wurde veröffentlicht in der gerade im Thalacker Verlag Braunschweig erschienenen 6. Auflage 2003 von Heft 2 der Reihe „Bäume und Recht“, Breloer, Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen aus rechtlicher und fachlicher Sicht