|
Keine Behandlung frischer Wunden mit Wundverschlussmitteln
- zum Beiblatt der ZTV-Baumpflege 2001
Marko Wäldchen
Im Beiblatt der ZTV-Baumpflege 2001, ohne das diese FLL-Richtlinie
in Zukunft nicht mehr herausgegeben wird (AFZ 24/2002, S. 1301),
wird neuerdings wieder der Einsatz von Wundbehandlungsstoffen
propagiert, nachdem dieses Thema für Fachleute längst
ausdiskutiert war. Im Beiblatt zur ZTV-Baumpflege 2001 heißt
es ebenso lapidar wie nicht nachvollziehbar:
"Es ist fachlich zulässig, wenn ....
anstelle der Abdeckung mit Folie frische Wunden mit Wundbehandlungsstoff
vollflächig belegt werden."
Die fachlich richtige Empfehlung muss lauten, dass die Versiegelung
von Anfahrschäden und Schnittverletzungen unterbleiben
sollte.
Diese heute in der Fachliteratur und auch in der Praxis vertretene
Meinung beruht auf folgenden Erkenntnissen und Überlegungen.
Bei Anfahrschäden bleibt im Gegensatz zu Schnittverletzungen
auf der Wundfläche häufig teilungsfähiges Gewebe
erhalten, aus dem sich (Flächen-) Kallus und später
Wundholz entwickeln kann. Voraussetzung dafür ist, dass
diese sehr zarte Zellstruktur nicht austrocknet oder durch mechanische
Beeinträchtigung zerstört wird. Seit langem ist bekannt,
dass ein sofortiges, loses Abdecken des entrindeten Bereiches
mit lichtundurchlässiger Folie gute Erfolge zeigt. Neuerlich
wurde dies durch eine wissenschaftliche Langzeituntersuchung
im Amtsbereich des Straßenbauamtes Schwerin bestätigt
(siehe Promotion von Dr. Horst Stobbe, Uni Hamburg, bzw. auch
AFZ-DerWald 24/2001).
Das Versiegeln der entrindeten Verletzungsfläche durch
Einstreichen mit einem Wundbehandlungsmittel kann keine Alternative
zur Abdeckung mit Folie sein. Der Grund: Das Einstreichen geschieht
mittels Borsten- oder Haarpinsel, zwei bezogen auf die Zellstrukturen
zerstörerische Werkzeuge, und ist somit contra-produktiv.
Bei Schnittmaßnahmen wird insbesondere verholztes Gewebe
verletzt. Verholztes Gewebe ist nicht zur Zellteilung fähig,
ist nicht mehr an Wachstumsabläufen beteiligt. Die (Flächen-)
Kallusbildung ist jedoch ein Wachstumsprozess. Wenn Kallusbildung
aus der Wundfläche heraus (Flächenkallus) nicht möglich
ist, was soll eine Versiegelung dann bewirken - was soll sie
schützen oder fördern, was soll sie ersetzen?
Es wird auf einen Bereich "Künstliche Rinde"
aufgebracht, wo niemals Rinde war und auch keine hingehört.
Wenn ein Holzkörper durch einen Sägeschnitt geöffnet
wird, kommt es unmittelbar zur Embolie, gegen die sich der Baum
von innen wehren muss, durch Gefäßverschluss. Dieser
Vorgang ist bereits Realität, noch bevor man mit dem Einstreichen
beginnen kann. Was also könnte ein Anstrich verhindern?
Nichts!
Gegen den obligatorisch beginnenden Holzabbau muss der Baum
sich wehren, im Innern, durch biochemische Prozesse (CODIT,
Kompartimentierung, Abschottung).
Ein Anstrich bewirkt hier nichts Positives.
Im Gegenteil, Beobachtungen in der Praxis deuten darauf hin,
dass unter dem Anstrich ein für Pilzwachstum günstiges
Klima herrscht.
Ohne Versiegelung ist die Schnittfläche der Umgebungsluft
und dem Wind ausgesetzt, Einflussfaktoren, die sich - und das
muss betont werden - pilzwidrig auswirken.
Was sich bei in der Vegetationsruhe erzeugten Schnittverletzungen
positiv auswirken kann, ist das Einstreichen des äußersten
Wundrandes mit dem Ziel, das Ausmaß von Kambialnekrosen
zu verringern, also einer auf Zurücktrocknung basierenden,
nachträglichen Verletzungsvergrößerung entgegen
zu wirken. um die durchtrennte Kambialzone zu schützen.
Die dadurch erreichte Verringerung der Zurücktrocknung
ist allerdings so gering, dass man guten Gewissens auch bei
dieser Verletzungsart auf das Einstreichen verzichten kann,
zumal sich die Wundholzbildung der unbehandelten Schnittverletzung
nach wenigen Jahren angleicht und kein Unterschied mehr festzustellen
ist. Wundholzwachstum ist Dickenwachstum - Dickenwachstum ist
spannungsgesteuert und von der Vitalität abhängig.
Wichtig ist, dass nach Möglichkeit keine
größeren Schnittverletzungen erzeugt werden, dass
die Schnitte korrekt geführt werden und dass der Stand-
und Wurzelraum des Baumes geschützt und gepflegt wird.
www.gebruederwaeldchen.de
Alex L. Shigo
BAUM SCHNITT, Leitfaden für die richtige Baumpflege,
Thalacker Verlag
Braunschweig, 1991, S. 132
Wundverschluß-Märchen
Es
gibt keine Daten, daß Wundverschlußmittel Fäulnis
verhindern. Sie behindern im Gegenteil die Abwehrsysteme und
beschützen die Fäulnispilze. Wenn die Äste fachgerecht
geschnitten werden, bildet der Baum im Inneren Schutzzonen.
Falls farbiges Material aus kosmetischen Gründen gewünscht
wird, muß man
sich überzeugen, daß es nicht giftig ist, und man
darf es nur gaz dünn aufstreichen. Läßt man
die Wunde ohne Überzug, wird die Oberfläche nach einem
Jahr kaum mehr auffallen. Sie wird die Farbe der Baumrinde annehmen.
(Ollie Andersen und Klaus Vollbrecht)
Alex
L. Shigo
DIE NEUE BAUMBIOLOGIE, Thalacker Verlag Braunschweig
1990, S. 530
Ich
selbst versuchte, fünf Jahre lang ein brauchbares Wundverschlußmittel
zu finden. Meine früheren Arbeiten auf diesem Gebiet beschäftigen
sich damit, ein besseres Mittel zu finden, und wollten keineswegs
die Wundverschlußmittel in Mißkredit bringen. Ich
machte sofort den gleichen Fehler wie alle anderen auch. Ich
führte Kurzzeitexperimente durch. Einige der untersuchten
Substanzen regten tatsächlich die Kallausbildung an, andere
verringerten die Menge an verfärbtem Holz ganz erheblich.
Andere Wissentschaftler kamen zu den gleichen Ergebnissen. Wir
alle glaubten, wir hätte die Lösung gefunden. Dann
kam das rauhe Erwachen. Mit der Zeit glichen sich die Kalli
auf unbehandelten und behandelten Wunden immer mehr. Außerdem
machten wir alle einige schlimme Entdeckungen über Wachstumsregler.
Stoffe, die das Kalluswachstum anregten, förderten auch
das Wachstum der Pathogene! Nach fünf bis sieben Jahren
waren die behandelten Proben, die nach ein bis zwei Jahren "sehr
gut ausgesehen hatten, stärker verfault als die Kontrollproben.
Später fanden wir heraus, daß verfärbtes Holz
eine nützliche Veränderung darstellt und und die Ausbreitung
von Fäulniserregern verlangsamen kann. Verzögert man
die Bildung verfärbten Holzes, hilft man nur den Fäulniserregern.
Bei unseren fünf bis sieben Jare alten Untersuchungen fanden
wir kaum Unterschiede zwischen behandelten Bäumen und Kontrollproben,
abgesehen davon, daß bei behandelten Wunden einiger Bäume,
wie Weißeichen, größere Bereiche fauler waren
als bei den Kontrollen.
In Europa, wo man dicke Schichten von Wundverschlußmitteln
aufträgt, insbesondere ein Produkt, das die Wunden mit
einem gummiartigen Film überzieht, findet man oft Pilzfruchtkörper,
die diese Schicht durchbrechen. Die Mittel schützen die
Pilze, sie halten die Wunden feucht und schaffen ideale Bedingungen
für rasches Wachstum. Behandeln Sie niemals eine große
Wunde mit infiziertem Holz mit einem Wundverschlußmittel.
Dann schützen Sie die Pathogene. Die meisten großen
Äste haben bereits einige innere Infektionen. Wundverschlußmittel
auf Schnittflächen von großen Ästen helfen den
Pathogenen.
Es taucht immer wieder die Frage auf, ob das kallusanregende
Wundverschlußmittel die Ausbreitung der Pathogene nicht
dadurch verhindert, daß sich die Wunde rasch schließt.
Theoretisch betrachtet stimmt das auch. Bei kleineren Verletzungen
überwallt das Kallusgewebe die Wunden normalerweise so
schnell, daß Wundverschlußmittel unnötig sind.
Bei großen Wunden vermag das Kallusgewebe die Wunden nur
selten zu schließen, und Wundverschlußmittel schützen
höchstens die Pathogene. Nach richtigem Ästen dringen
nur selten Krankheitserreger in den Baum ein. Bei falsch beschnittenen
Bäumen können die Erreger auch nicht durch noch so
große Mengen irgendwelcher Substanzen ferngehalten werden.
Die Natur besitzt ein Wundverschlußmittel, das Pathogene
abhält. Die Substanz wird auf der Innenseite von Wunden
gebildet. Wir dürfen dieses einzige wirksame Wundverschlußmittel
nicht zertstören.
|